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Olfen – Trévignin: 60 Jahre Freundschaft in Europa mitgestaltet
Als damals noch selbständige Gemeinde beschloss Olfen 1966 die Partnerschaft mit der französischen Gemeinde Trévignin. Beim Festakt in diesem Stadtteil von Oberzent wurde die Bedeutung dieser Verbindung gewürdigt.
„Es wurden Brücken gebaut, die bis heute tragen.“ Mit diesen Worten fassten die beiden Bürgermeister Christian Kehrer und Nicolas Chapuis in ihren Festreden auf Deutsch und Französisch zusammen, was die Bürger der beiden Dörfer Olfen und Trévignin als Beitrag zur Aussöhnung zwischen Deutschen und Franzosen auf den Weg gebracht haben.
Längst ist dieser Austausch nicht mehr auf Jugendliche aus den beiden Dörfern beschränkt. Mit großer Unterstützung der Oberzent-Schule engagieren sich Schülerinnen und Schüler des gesamten Stadtgebiets und nutzen die Möglichkeit, Einblick in das Leben des anderen Landes zu erhalten und Kontakte zu knüpfen.
Am 15. und 16. Mai wurde das Jubiläum 60 Jahre Verschwisterung gefeiert. Bereits am 14. Mai, Christi Himmelfahrt, waren 58 Personen aus Frankreich angereist.
Acht Männer und Frauen hatten die mehr als 600 Kilometer in vier Etappen mit dem Fahrrad zurückgelegt. Bei ihrer Ankunft während des Brunnenfestes in Beerfelden konnten sie auf der Bühne auf dem Metzkeil von Bürgermeister Christian Kehrer begrüßt werden. Eine Stadtführung durch Michelstadt war am Freitag Teil des Besuchsprogramms für die Erwachsenen. Im historischen Rathaus wurden die Franzosen und ihre deutschen Gastgeber von Bürgermeister Dr. Tobias Robischon sowie von Mitgliedern des Freundeskreises Rumily empfangen. Deutsche und französische Jugendliche gestalteten derweil Außenwände des Dorfgemeinschaftshauses in Olfen und trafen sich am Nachmittag mit einigen Erwachsenen beider Länder zu einem kleinen Chor-Workshop mit Iris Thierolf im evangelischen Gemeindehaus in Beerfelden. Zum Abschluss des Tages wurden die Gäste und Gastfamilien im Bürgerhaus in Beerfelden vom Bürgermeister und Vertretern des Magistrates, der Stadtverordnetenversammlung und Mitarbeiterinnen der Verwaltung empfangen und mit einem reichlichen Buffet verköstigt.
In der Martinskirche wurde am Samstag ein ökumenischer Gottesdienst zelebriert, der von den Pfarrern Roland Bahre und Harald Poggel in deutscher und französischer Sprache geleitet wurde.
Zurück in Olfen, zogen Deutsche und Franzosen mit der französischen Blaskapelle „Les Gabinets de Lyon“ durchs Dorf. Still wurde es auf dem Weg zum Friedhof. Dort wurde eine erneuerte Gedenktafel von Stefan Rossbach enthüllt, die an die inzwischen verstorbenen Wegbereiter der Partnerschaft erinnert.
Höhepunkt der Feierlichkeiten war der Festakt im Dorfgemeinschaftshaus und einem großen Festzelt.
Vom Mut der Annäherung
Die Verschwisterung war 1966 in Trévignin von den Bürgermeistern August Heilmann und René Traversaz besiegelt worden. Olfen wurde drei Jahre später in die Stadt Beerfelden eingemeindet und ist heute Teil von Oberzent. Trévignin im Département Savoie ist eine selbstständige Gemeinde mit 870 Einwohnern. Olfen hat mittlerweile 310 Einwohner. Diese „Jumelage“ galt als die kleinste kommunale Partnerschaft in Europa und wurde 1991 mit der Europafahne ausgezeichnet.
In ihren Festreden sprachen die Bürgermeister und Vorsitzenden der Partnerschaftskommissionen Kehrer und Chapuis auf Deutsch und Französisch davon, wie die vielen Begegnungen von Respekt und Solidarität geprägt sind. Beide lobten den „Mut zur Annäherung“ wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Sie erinnerten an den Élysée-Vertrag sowie an das Abkommen zum Deutsch-Französischen Jugendwerk, welche der französische Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer 1963 unterzeichneten. Diese Verträge haben ihre Kraft erst durch die Bürger entfaltet.
Irrweg Nationalismus
„Das ist das wirkliche Europa der Bürger“, sagte der Europaabgeordnete Michael Gahler in seiner Festansprache. Der hessische Landtagsabgeordnete Rüdiger Holschuh formulierte es so: Europa beginne nicht in Brüssel, sondern in den Familien, unter Freunden. Deshalb sei es beängstigend, wenn in Dörfern wie Olfen mehr als 30 Prozent der Wähler ihre Stimme einer rechtsnationalen Partei anvertrauten. Nationalismus stärke nicht, sondern spalte. Frühere Generationen hätten schmerzlich erfahren, wohin Hass und Respektlosigkeit führen können. „Zu verstehen, dass der Andere kein Fremder ist, dafür stehen Trévignin und Olfen“, sagte Holschuh.
Stadtverordnetenvorsteher Dirk Daniel Zucht ergänzte: Frankreich und Deutschland als „Motor mit eigenen Visionen“ seien umso wichtiger, je mehr sich die USA von Europa abwenden. Während des Festaktes wurde wie im Zeitraffer an die vergangenen 60 Jahre erinnert. Als Zeitzeuge erinnerte der frühere Landrat Horst Schnur daran, wie die Lehrer Helfried Fuchs und Marcel Pepin sowie der aus Algerien stammende Dolmetscher Kada Megharbi den Kontakt zwischen beiden Dörfern knüpften. Der Weg zur „Jumelage“ wurde in den Gefühlen frei, als sich Adam Rösch, bis 1949 französischer Kriegsgefangener in Nord-Afrika, und André Regeraz, Kriegsgefangener in Deutschland, im Gottesdienst in Trévignin die Hand reichten. Rösch war Erster Beigeordneter in Olfen, später Ortsvorsteher und Stadtverordneter.
Mit ihren persönlichen Erinnerungen unter Moderation von Bernd Sterzelmaier knüpften Pierre-Yves Pepin und Gunther Fuchs an, die Söhne der beiden damaligen Lehrer.
Sie erzählten, wie sie als Kinder mit ihren Eltern aufeinander zugingen. Isabelle Frindt, Enkeltochter von Adam Rösch und versierte Dolmetscherin während der Festveranstaltung, leitete eine Gesprächsrunde, in der Deutsche und Franzosen berichteten, wie es weiterging.
Die Idee, Produkte aus Savoyen auf dem Beerfelder Pferdemarkt anzubieten, war aus Gründen der Finanzierung des Jugendaustauschs geboren. Mit den Einnahmen am „Franzosenstand“ auf dem Beerfelder Pferdemarkt mit seinen Spezialitäten aus Savoyen wurde der Austausch auf finanziell stabile Beine gestellt. Umgekehrt kamen die Organisatoren auf die Idee, Produkte aus dem Odenwald und in Trévignin angefertigte „Bricolage“ auf einem eigenen Weihnachtsmarkt in Trévignin anzubieten. So sind beide Projekte seit Jahren ein deutsch-französisches Erfolgsmodell.
Zum Festprogramm
Den Festakt im Dorfgemeinschaftshaus in Olfen leitete Ortsvorsteherin Gertrud Platt-Rossbach. Das Treffen wurde finanziell von der Stadt, vom Deutsch-Französischen Bürgerfonds, der Sparkasse Odenwaldkreis, dem Rotary Club Erbach-Michelstadt, der Jagdgenossenschaft, dem Feuerwehrverein und vielen Einzelspenden unterstützt.
Mit Arne Müller an der Geige eröffnete Iris Thierolf am Klavier den Festakt und sie leitete mit zwei Chansons nach einer Pause den zweiten Teil des Festaktes ein. Zum Programm gehörte der Auftritt des deutsch-französischen Projektchors, mit dem Iris Thierolf am Vortag geprobt hatte. Die von Jugendlichen unter der Leitung von Jule Heinz an Außenwänden illustrierten Symbole zur 60 Jahre Partnerschaft sowie eigene Motive der Jugendlichen wurden vorgestellt. In einer Zeitkapsel wurden Dokumente auf dem Trévignin-Platz vergraben. Als Gastgeschenk hatten die Franzosen eine Laube und Rebstöcke mitgebracht. Die Gesangsgruppe „Chorwürmer“ aus Finkenbach sowie Thierry Marin-Laflèche und seine Blaskapelle „Les Gabinets de Lyon“ sorgten für Stimmung.
Im großen Festzelt klang das Jubiläum mit einem Festessen bei sonnigem Wetter in großer Harmonie und Freundschaft aus. Am Sonntag früh startete der Bus zur Heimreise nach Savoyen.
Gedankt wurde dem Organisationsausschuss mit Gertrud Roßbach für Planung und Organisation des Festablaufs und Eberhard Frindt für die vielen technischen Details. Die finanziellen Angelegenheiten und den Einkauf besorgte Hjördis Jung.
Unterstützung erfuhr die umfangreiche Festgestaltung durch die Stadt Oberzent. Die Freiwillige Feuerwehr Olfen packte beim Aufbau des Festzeltes und beim Getränkeausschank zu. Jule Heinz und Pascal Frindt sorgten mit ihren Ideen für Dekoration und Tontechnik sowie gemeinsam mit Victor Kellermann und Kevin Patalla für die Gestaltung eines Wandbildes im Rahmen des Programms für die Jugendlichen. Jutta Körner übernahm die Verantwortung für die Organisation von Essen und Getränken während des Festaktes.
Dank galt allen Gastgebern, die Gäste zur Übernachtung aufgenommen hatten.
Text: Horst Schnur und Bernd Sterzelmaier
© Marei Rossbach
© Stadt Oberzent
© Gertrud Roßbach
© Jule Heinz
© Traudel Schnur
© Stadt Oberzent

